Almost famous: Eine Erl-Königin schreibt Geschichte

Historischer Handschlag: 1974 stieg das erste Frauenfußball-Finale. Foto: Tobias Jochheim

Historischer Handschlag: 1974 stieg das erste Frauenfußball-Finale. Foto: Tobias Jochheim

1974 war ein besonderes Jahr für die deutsche Fußballnation: Während die Männer zu Hause Weltmeister wurden, spielten die Frauen erstmals um die Deutsche Meisterschaft. Im Finale auch ein Team aus Gelsenkirchen: die DJK Eintracht Erle. Die damalige Spielführerin Christel Kurowski erinnert sich 36 Jahre später an Einkaufstüten voller Eintrittsgelder und ein hässliches Armband vom DFB.

Als die Scheine und Münzen nicht mehr hineinpassten, schlossen die Männer an den Eingängen die Kassen ab. Und Reinhold Kurowski, Abteilungsleiter Frauenfußball, rief: „Schmeißt das Geld einfach auf den Boden.“ So richtig wussten die Verantwortlichen der DJK Eintracht Erle nicht, was an diesem Tag passierte, an dem die Fußballerinnen zum zweiten Vorrundenspiel der Deutschen Meisterschaft antraten. Und zwar zu einer Meisterschaft, die 1974 ihre historische Premiere feierte.

Alle Kassenhäuschen waren schon geöffnet. Aber es wurden immer mehr Menschen, die mit ihren Autos die Straßen rund um das Stadion in einen riesigen Parkplatz verwandelten – und deren Geld nun auf dem Boden landete. Fünf Mark für Erwachsene, zwei Mark für Kinder. So hatte es der DFB vorgegeben. 5.000 Zuschauer waren es schließlich, die auf den Stehplätzen das 5:1 des Erler Frauenteams gegen die Kickerinnen von Werder Bremen verfolgten. Als das Team feiernd in die Kabine zurückkehrte, folgte ihnen Reinhold Kurowski – in der Hand eine Einkaufstüte mit dem Geld. Eine unfassbare Summe, dabei wäre das erste Vorrundenspiel in Buxtehude noch beinahe an 500 DM für Anreise und Unterkunft gescheitert. Erst eine Tombola sicherte den Start ins Abenteuer Deutsche Meisterschaft.

„Der weibliche Stan Libuda“

Christel Kurowski blickt 36 Jahre zurück und erinnert sich an verrückte Momente. Foto: Tobias Jochheim

Christel Kurowski blickt 36 Jahre zurück und erinnert sich an verrückte Momente. Foto: Tobias Jochheim

36 Jahre später sitzen die damalige Spielführerin Christel Kurowski und ihr Mann Reinhold in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Tisch liegen geklöppelte Decken, die Schrankwand natürlich im Gelsenkirchener Barock. Im Regal ziert das Schalke-Emblem die Schneekugel. Die Kurowskis, eine Fußball- und eine Ruhrpott-Familie. Da war der Vergleich mit den männlichen Profis von Schalke damals nicht weit. Ihr Spitzname: „Der weibliche Stan Libuda“. Reinhold Kurowski lehnt sich zurück und erinnert sich, wie sie als Kinder die Plakate mit der Aufschrift „Keiner kommt an Gott vorbei“ mit „außer Stan Libuda“ überpinselt hatten. Und seine Christel, die konnte genauso flink den rechten Flügel hoch und runter flitzen. Einen Tag nach dem Sieg gegen Bremen druckte deshalb auch die BILD-Zeitung ein großes Foto von Christel Kurowski ab. Und seitdem war sie nicht mehr nur „der weibliche Stan Libuda“, sondern „die Erlkönigin“.

Eine Erklärung für dieses Spektakel haben die Kurowskis bis heute nicht. Klar, die Presse hat „ganz toll mitgezogen“, sämtliche Damen-Clubs aus der Umgebung reisten an, und auch die Sonne outete sich an diesem Sonntag als Fan des Frauenfußballs. Aber reicht das alleine für 5.000 Zuschauer? Am Sport alleine hat es wohl nicht gelegen. In dem Jahr nach der Meisterschaft herrschten am Gelsenkirchener Spielfeldrand wieder familiäre Verhältnisse. Oma, Opa, Nachbarn, Freunde. In der Pionierzeit profitierte der Frauenfußball auch einfach vom Reiz des Unbekannten, des vielleicht sogar Unvorstellbaren.

„Wilde Runden“ während des Verbots

Denn es war ja auch gerade erst vier Jahre her, da spielte Christel Kurowski mit ihrem Team noch „wilde Runden“. 1955 hatte der DFB beschlossen, Frauenfußball einfach zu verbieten. Nicht ästhetisch genug, nicht schicklich genug, nicht weiblich genug. Davon ließen sich Christel Kurowski und die zwölf Teams aus Recklinghausen, Herne und Gelsenkirchen wenig beeindrucken. Die ausnahmslos männlichen Trainer trafen sich in regelmäßigen Abständen, legten den Spielplan fest, und scherten sich damit wenig um irgendwelche Verbote. Für Ordnung auf dem Platz sorgte selbstverständlich ein Schiedsrichter, meist ein Betreuer des Gäste-Teams. Es sollte bis 1970 dauern, bis der DFB das Verbot wieder aufhob. Vier Jahre später spielte Christel Kurowski dann anstelle der „wilden Runde“ eine Vorrunde zur Deutschen Meisterschaft und nach drei Siegen auch ein Halbfinale, das die Erlerinnen mit 3:1 gegen das Team SV Bubach/Calmesweiler gewannen.

Christel Kurowski steht auf und verschwindet im Flur, vom Finale, da hat sie doch noch ein Foto. Auf dem schwarz-weißen Bild lächelt sie links im Bild in die Kamera. Rechts steht Bärbel Wohlleben, die Spielführerin der TuS Wörrstadt, ebenfalls einen Wimpel in der Hand. Und in der Mitte, das ist doch Schiedsrichter-Ikone Walter Eschweiler. An den O-Ton zu diesem historischen Bild erinnert sich Christel Kurowski noch genau: „Der hatte nen kölschen Humor. ‚Los Mädels, jetzt woll’n wa mal loslegen‘, hat der gesagt. Aber dann hat er noch gefragt, ob mit dem Herren-oder dem Jugendball gespielt wird.“

Statt Ruhm gab es ein klobiges Armband

Zur Vizemeisterschaft gab's ein klobiges Armband. Foto: Tobias Jochheim

Zur Vizemeisterschaft gab's ein klobiges Armband. Foto: Tobias Jochheim

Den Ruhm dieses Finales würden später andere genießen. Regine Israel traf als 15-Jährige zum 1:0, zum 2:0 und zum 4:0 für die TuS Wörrstadt. Bärbel Wohlleben schoss mit dem 3:0 das „Tor des Monats“ und den Frauenfußball in die Sportschau. Christel Kurowski und ihr Team fuhren mit einem klobigen, hässlichen Armband wieder nach Hause. „Das muss man ständig putzen“, sagt Christel Kurowski und legt es neben die Fotos.

In der Hand hält sie jetzt noch ein kleines Tellerchen, innen ist das Parkstadion eingraviert. Vor ihren Augen liegt jetzt aber ein anderes Gebäude: Schloss Berge, das einst als Wasserschloss den Erler Stadtteil hatte schützen sollen. Dort wurden sie empfangen, und dort wurden sie auch mit dem Tellerchen geehrt. Natürlich kannten sie fast alle dieses imposanten Gebäude. Von außen. Jeden Sonntag machten sich die Bergarbeiterfamilien zu einem Spaziergang auf. An einem der Kioske gab’s dann ein Eis für die Kinder, „aber man konnte sagen: Wir waren Sonntag auf Schloss Verge“, erzählt Reinhold Kurowski. Ein Essen im Restaurant hätten sie sich niemals leisten können. Und jetzt stellten die Kellner auch gleich noch Teller mit Reh vor den Mädchen ab. „Sowas von schlecht“ sei ihr am darauf folgenden Tag gewesen, sagt Christel Kurowski. Und Bier statt Wein, das hätten sie sich auch gewünscht.

Lesen Sie weiter: Wie sich das Fußballer-Ehepaar Christel und Reinhold Kurowski kennenlernte.

Ein Text von Anne-Kathrin Gerstlauer

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2 Kommentare zu Almost famous: Eine Erl-Königin schreibt Geschichte

  1. Liebe Leser,

    wir sind gespannt auf Ihre Meinung zu diesem Artikel. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass es trotzdem eine Weile dauern kann, bis Ihr Kommentar veröffentlicht wird: Die Erfahrung hat leider gezeigt, dass nur das wirklich gegen Werbung, Beleidigungen, rassistische Äußerungen und sonstigen Datenmüll hilft.

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    Viele Grüße vom sonntagsschicht.de-Redaktionsteam

  2. Pingback: Reinhold und Christel Kurowski: Portrait eines Fußball-Paares | Sonntagsschicht.de

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