Für Kunstrasen fehlt vielen Vereinen die Asche

Letzter Schliff am neuen Geläuf. Foto: privat

Letzter Schliff am neuen Geläuf. Foto: privat

Kreisligafußball im Ruhrgebiet – das bedeutet für viele Vereine Fußballspielen auf roter Asche. Zum Leidwesen aller: Im Sommer sind die Plätze oft zu hart, im Winter verhindert Frost das flüssige Kurzpassspiel. Kunstrasen ermöglicht technisch anspruchsvollen Fußball ist für viele Vereine aber nicht finanzierbar.

Nur fünf Kunstrasenplätze wurden bisher im Kreisgebiet gebaut, dabei gehören stolze 63 Fußballvereine dem Fußballkreis 12 in Gelsenkirchen, Gladbeck und Kirchhellen an. Sie spielen auf 50 Asche- und 26 Rasenplätzen. Der FK 12 bildet keine Ausnahme im Kreisligafußball des Ruhrgebiets. In der Region wird größtenteils noch auf roter Asche gespielt. In anderen Kreisen des Fußball- und Leichtathletikverbands Westfalen sieht das anders aus. Zum Vergleich: In der A-Liga des Kreises Arnsberg beispielsweise, spielen die Vereine seit dieser Saison komplett auf Kunst- oder Naturrasen.

Fast wie am Strand. Klar, dass ein gepflegtes Kurzpassspiel auf Asche nur selten zustande kommt. Deshalb forciert Gelsenkirchen den Bau von Kunstrasenplätzen. Foto: Ernst-Rose/pixelio.de

Fast wie am Strand. Ein gepflegtes Kurzpassspiel kommt bei solchen Verhältnissen nur selten zustande. Foto: Ernst-Rose/pixelio.de

„Die Ruhrgebietsstädte sind einfach nicht so flüssig“, sagt Gelsensport-Geschäftsführer Jürgen Kevenhörster, der für den Sportausschuss, Sportbauprojekte und die Sportförderung zuständig ist. Gelsensport, der Stadtsportbund Gelsenkirchen, hat sich zum Ziel gesetzt, alle fünf Stadtbezirke (Nord, Ost, West, Süd und Mitte) mit einem Kunstrasenplatz auszustatten. Auf drei Kunstrasenplätzen wird bereits gespielt: auf der Sportanlage Löchterheide im Norden, auf der Sportanlage an der Oststraße im Osten und in der altehrwürdigen Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen-Mitte. Ein vierter Platz befindet sich derzeit in Planung. Er soll 2011 auf der Sportanlage „Auf dem Schollbruch“ im Westen der Stadt verlegt werden. Für die neue Anlage läuft bereits das Vergabeverfahren. „Die Ausschreibung ist raus, jetzt wird geprüft, welche Firmen beteiligt werden“, sagt Kevenhörster. Wie hoch die Kosten für diesen Kunstrasenplatz genau ausfallen, mag Kevenhörster jedoch noch nicht beantworten. Fest stehe bisher nur das Investitionsvolumen in Höhe von rund 600.000 Euro.

Knapp 600.000 Euro – zu viel für die Portokasse

Für viele Amateursportvereine bleibt ein Kunstrasenplatz trotz Unterstützung der Kommune daher reines Wunschdenken. Einen hohen ersten Investitionsbedarf bestätigt die bayerische Firma „polytan“, bei der sonntagsschicht.de die Preise für die begehrte Kunstrasentechnologie angefragt hat.

Im Zweikampf kann auf einem Kunstrasenplatz schon mal Gummigranulat aufspritzen. Wer darauf lieber verzichten will und seinen neuen Untergrund nur mit Sand auffüllen lässt, spart rund 45.000 Euro Baukosten. Foto: Petra-Morales/pixelio.de

Im Zweikampf kann auf einem Kunstrasenplatz schon mal Gummigranulat aufspritzen. Foto: Petra-Morales/pixelio.de

Das Unternehmen (Linkliste mit ausgewählten Kunstrasenfirmen aus Nordrhein-Westfalen und dem gesamten Bundesgebiet) gibt die Kosten für einen Kunstrasenplatz mit Sand-Gummi-Füllung und „15-jähriger Haltbarkeit“ mit 599.234 Euro an. Der gleiche Belag mit einer Haltbarkeit von 13 Jahren kostet 511.549 Euro oder nur mit Sand verfüllt rund 555.428 Euro. Zum Vergleich: Der Bau eines Ascheplatzes kostet bei 15 Jahren Haltbarkeit 339.728 Euro, der eines Naturrasenplatzes knapp 2.000 Euro mehr. Beide Untergründe seien jedoch in der Unterhaltung kostspieliger. Für die Pflege des Ascheplatzes könne man jährlich knapp 14.000 Euro einkalkulieren, die Unterhaltung des Naturrasenplatzes koste sogar das Doppelte, behauptet der Kunstrasenhersteller. Für einen sandverfüllten Kunstrasen würden dagegen „nur“ Pflegekosten von rund 10.000 Euro anfallen. „Pro Jahr ist das eine Ersparnis von rund 5.000 Euro, pflegt der Verein einen Kunst-, statt einen Naturrasen“, so „polytan“. Ein Kostenunterschied, der einleuchtet, bei einem solchen Investitionsvolumen jedoch kaum ins Gewicht fallen dürfte. Es muss daher noch andere Gründe geben, die für die Anschaffung eines Kunstrasens sprechen.

Vorteil Kunstrasen: Weniger Spielausfälle

Ein Grund könnte die Unabhängigkeit vom Wetter sein. Während Naturrasenplätze schon meist nach dem ersten Frost oder nach heftigen Regenfällen gesperrt werden müssen, kann auf einem Kunstrasen fast das komplette Jahr über gespielt und trainiert werden. Selbst in den Herbst- und Wintermonaten ist dann immer noch ein flüssiges Spiel möglich, die Asche wird bei Regen dagegen schnell zum Schlammplatz und bei kalten Temperaturen hart wie Stein. „Es ist egal, ob die Sonne scheint, ob es regnet. Der Ball läuft und es macht immer Bock darauf zu spielen“, sagt Sascha Wegener, Trainer der SG Balve/Garbeck. Der A-Ligist aus dem Kreis Arnsberg hat in den letzten fünf Jahren gleich zwei Kunstrasenplätze gebaut.

Wer sich beim neuen Kunstrasen der SG Balve/Garbeck wohl die Torlinie gesichert hat? Foto: Rike/pixelio.de

Wer sich beim neuen Kunstrasen der SG Balve/Garbeck wohl die Torlinie gesichert hat? Foto: Rike/pixelio.de

Der Fusionsclub aus der Stadt Balve (12.000 Einwohner) wollte damit die Grundlage schaffen, auf lange Sicht höherklassig zu spielen. „Wir waren damals mit der erste Verein hier um Umkreis, der so einen Platz zu bieten hatte“, erklärt Wegener. Mit knapp 150.000 Euro förderte die Stadt Balve das Projekt, der Rest wurde durch Sponsorengelder und Eigenleistung aufgestockt. Als gute Geldquelle entpuppte sich dabei der Verkauf von Platzparzellen. „Die Leute konnten verschieden große Abschnitte des Platzes, zum Beispiel den Elfmeter- oder Anstoßpunkt kaufen“, erzählt Wegener. Der Preis für die Parzellen schwankte zwischen 50 und 500 Euro. Später wurden die Spender auf einer Spendertafel verewigt.

Mittlerweile hat sich Balves Stellung, der einzige Verein mit einem Kunstrasen zu sein, geändert. In der A-Liga des Kreises Arnsberg spielt jede Mannschaft auf Kunst- bzw. Naturrasen. Wegener: „Unser Vorteil ist jetzt ein wenig dahin. Davor waren wir in der Lage, mit unserer schönen Anlage auch mal Spieler zu locken, die sonst vielleicht nur mit Geld zu bekommen sind.“ Selbst in den ländlichen Vereinen hat man sich an das komfortable Geläuf gewöhnt.

Gelsenkirchen will nachziehen

Spätestens im Sommer soll auf dem Schollbruch der vierte Kunstrasenplatz Gelsenkirchens in Betrieb genommen werden. Foto: privat

Spätestens im Sommer soll auf dem Schollbruch der vierte Kunstrasenplatz Gelsenkirchens in Betrieb genommen werden. Foto: privat

Genau deshalb hat auch Gelsensport alles daran gesetzt, den vierten Kunstrasenplatz nach Gelsenkirchen zu bekommen. „Ich gehe davon aus, dass wir im Januar beginnen können“, kündigt Jürgen Kevenhörster die Bauarbeiten auf dem Schollbruch an. Im Mai soll dann das Kunstgrün im Westen der Stadt verlegt worden sein und spätestens im Sommer schon darauf gespielt werden. „Wenn der Untergrund und das Wetter stimmen, muss man für das Verlegen des Rasens höchstens eine Woche einkalkulieren.“

Die finanziellen Mittel für den Bau am Schollbruch kommen, wie schon bei den drei Kunstrasenplätzen zuvor, aus der Sportpauschale des Landes. Sie wird, je nach Einwohnerzahl, an die Kommunen ausgezahlt. In Gelsenkirchen beträgt sie derzeit etwa 709.000 Euro, „mit rückläufiger Tendenz“, wie Kevenhörster betont. Ein Großteil des Geldes gehe in die Fußballförderung. „Aber auch die anderen Sportvereine wollen natürlich etwas vom Kuchen abhaben“, sagt Kevenhörster. Trotzdem gelang es dem Stadtsportbund in den letzten Jahren jeweils 300.000 Euro an die Seite zu legen. So konnte, im Zwei-Jahres-Abstand, nun bereits der vierte Kunstrasenplatz mit einem Investitionsvolumen von rund 600.000 Euro gestemmt werden. „Unser Plan läuft noch bis in das Jahr 2013, dann soll der fünfte Rasen liegen“, sagt Kevenhörster.

Kunstrasenplatz Nummer 5 kommt in den Süden

Welcher Verein im Süden der Stadt den Zuschlag bekommt, stehe noch nicht fest. Kevenhörster: „Viele Faktoren spielen da eine Rolle: Jugendarbeit, Anzahl der Mitglieder, Anzahl der Mannschaften, der sportfachliche Bedarf usw.“. Entscheidendes Kriterium sei aber oft die gute Jugendarbeit, die ein Verein vorweisen kann. Nach dem Bau des fünften Platzes werde dann erst einmal Schluss sein, Jürgen Kevenhörster hofft jedoch, dass weitere Kunstrasenplätze im Stadtgebiet, vielleicht auch mit Sponsorengeldern, verlegt werden. „Bisher ist jedoch noch kein Verein an uns herangetreten, der die Kosten zum einem großen Teil selber stemmen konnte.“

Ein Text von Jonas Knoop und Michael Prieler

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Ein Kommentar zu Für Kunstrasen fehlt vielen Vereinen die Asche

  1. Klasse Petersen sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    herzlichen Glückwunsch zu dem gelungenen Artikel. Gibt es hierzu aktuelle Erhebungen, wie viele Kunstrasenplätze im Ruhrgebiet seit 2011 gebaut wurden? Das würde mich interessieren.
    Im übrigen können Vereine mittlerweile recht einfach die Kosten für einen Kunstrasenplatz oder die Alternativen wie Tenne, Naturrasen oder Hybridrasen hier berechnen:
    http://www.sportstaettenrechner.de
    Dort findet man zudem Fördermöglichkeiten und Finanzierungstipps.
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaas Petersen

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