Vier gewinnt! – Ein Plädoyer für Raumdeckung und Viererkette im Amateurfußball

Als Philipp Lahm bei der WM 2006 von der Außenbahn nach innen zog und den Ball zum 1:0 gegen Costa Rica im oberen rechten Dreiangel versenkte, jubelte ganz Deutschland. Und als er bei der EM 2008 mit großen Schritten in den türkischen Strafraum eilte, den Pass von Thomas Hitzlsperger aufnahm und zum 3:2 abschloss, ebenfalls. Millionen von Kindern haben diese Tore auf der Playstation nachgespielt, wie zuvor viele andere mittlerweile erwachsene Kinder auf den Hinterhöfen dieser Republik. Warum setzen sich die Kinder heutzutage dafür vor den Fernseher und versuchen diesen Bewegungsablauf nicht in ihren Vereinen? Eine von vielen Antworten auf diese Frage ist: Weil es Lahms Position in vielen Vereinen überhaupt nicht gibt.

Verfechter der Viererkette: Unser Autor Daniel Otto. Foto: sonntagsschicht.de

Verfechter der Viererkette: Unser Autor Daniel Otto. Foto: sonntagsschicht.de

Der moderne Fußball ist in den Amateurvereinen immer noch nicht wirklich angekommen. Das hat viele Gründe. Aber der augenscheinlichste ist: Faulheit. Wenn Trainer von ersten Mannschaften eines Vereins behaupten, es wäre zu aufwändig, ihrer Mannschaft die Raumdeckung zu erklären, haben sie die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Sie verderben ihre Spieler für höhere Ligen, wenn sie sie über mehrere Jahre hinweg alte Systeme lehren. Sie fallen weit zurück, sobald andere Teams auf das moderne System umstellen. Man stelle sich vor ein Automechaniker würde sich nicht mit den elektronischen Neuerungen der Automobilindustrie auseinandersetzen. Oder ein Lehrer weiterhin den Rohrstock anwenden.

Gerne wird der fehlende Zeitfaktor angeführt, wenn es darum geht, sich fortzubilden. Doch es braucht nicht einmal offizielle DFB-Fortbildungen, um Raumdeckung und Viererkette zu verstehen. Es gibt Bücher, Internetseiten und vor allem andere Trainer, die den modernen Fußball seit Jahren lehren. Ein Anruf, ein Klick, ein Gang in die Bücherei genügt und der moderne Fußball ist so nah. Manchmal reicht es sogar, sich jahrelang mit der Bundesliga beschäftigt und ein bisschen intensiver auch auf die Taktik geachtet zu haben.

Man stelle sich vor, Schalke 04 würde in der Bundesliga noch mit Libero und Vorstopper spielen. Wie groß wäre die Aufregung rund um Gelsenkirchen? „Rückständig“ hört man Joachim Löw schon rufen, während Jürgen Klopp für das nächste Derby schon mal die Außenbahnen ölen lässt – denn dort sind Mannschaften ohne Viererkette und Raumdeckung besonders anfällig.

Doch wie sähe die Resonanz eigentlich innerhalb Gelsenkirchens aus? Würde es Applaus geben aus den unteren Amateurligen? Würde man sich auf die Schulter klopfen und sagen: „Siehste Manni, hab ich dir doch immer gesagt, dieses ganze Geschwätz von Raumdeckung und Viererkette…kompletter Schwachsinn.“? Oder würde man sich spätestens nach den ersten unumgänglichen Niederlagen fragen, ob der Trainer noch alle Tassen im Schrank hat?

HALT, werden jetzt einige rufen! Griechenland ist 2004 mit Libero Traianos Dellas Europameister geworden. Mit Otto Rehhagel als Trainer, der sich ohnehin noch nie von irgendjemandem etwas hat sagen lassen. „Modern spielt, wer gewinnt“, hatte der damals getönt. Es stimmt, Griechenland überraschte 2004 alle. Und es hat auch niemand behauptet, dass man mit dem Libero-System keinen Erfolg haben kann. Deutschland wurde 1996 mit Libero Matthias Sammer Europameister, obwohl die Viererkette spätestens seit der WM 1994 auch bei den meisten Nationalmannschaften eingesetzt wurde. Doch die nachfolgenden Welt- und Europameisterschaften zeigten deutlich, dass der Deutsche Fußball so sehr in der Vergangenheit lebte wie der Amateurfußball heute.

Es wird also Zeit, etwas dagegen zu tun.

Ein Kommentar von Daniel Otto

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2 Kommentare zu Vier gewinnt! – Ein Plädoyer für Raumdeckung und Viererkette im Amateurfußball

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