Juniorinnentrainer Adriaans: „Von der WM verspreche ich mir Zulauf“

Hochmotiviert, aber nicht genug für ein 11er-Team: die Mädels der U17 von Hessler 06. Foto: Privat

Hochmotiviert, aber nicht genug für ein 11er-Team: die Mädels der U17 von Hessler 06. Foto: Privat

Olli Kahn formulierte einst: „Eier, wir brauchen Eier!“ Bei Frank Adriaans (Hessler 06) heißt es eher „Mädchen, wir brauchen Mädchen!“, denn Nachwuchsprobleme gibt es im FK 12 vor allem bei den Juniorinnen. Ein Interview über Training und Leistung, Sensibilität und Kasernenton, die Frauen-WM und Lesben-Klischees.

Herr Adriaans, Sie trainieren als Mann eine Mädchentruppe. Gibt es da Besonderheiten, die Sie beachten müssen?
„Im Grunde nicht. Ich nehme aus meiner eigenen Jugendzeit alles Gute mit, was mir Trainer beigebracht haben, und lasse alles andere weg. Ganz einfach.“

Gibt es keine Unterschiede im Training von Jungs und Mädchen?
„Trainingstechnisch gibt es da keinen Unterschied. Gerade bei den Jüngeren mache ich viel Technik und Laufen mit dem Ball. Natürlich ist die Kondition eine andere Sache, aber das ist ja von der körperlichen Konstitution her schon klar.“

Und zwischenmenschlich?
„Natürlich ticken Mädchen manchmal etwas anders – da muss ich dann eben drauf eingehen und Rücksicht nehmen. Sicherlich braucht man auch ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl. Ich kann eine Gruppe Mädchen nicht im gleichen Ton zusammenstauchen wie das bei Jungs vielleicht der Fall ist. Mädchen sind manchmal etwas sensibler. Wenn sie Mist bauen, kriegen sie zwar auch einen Einlauf – aber eben gentleman-like.“

"Lieb und nett, aber bestimmt": Frank Adriaans, der Mädchentrainer von Hessler 06. Foto: privat

"Lieb und nett, aber bestimmt": Frank Adriaans, der Mädchentrainer von Hessler 06. Foto: privat

Ist ein solches Feingefühl auch in Leistung und Motivation messbar?
„Auf jeden Fall! Bei jedem Spiel, bei jedem Training stehen sie motiviert und Spaß am Fußball auf dem Platz. Man lernt, dass man ihre Fähigkeiten ganz anders rauskitzeln und packen muss. Das macht sich dann auch wiederum an deren Höchstleistungen bemerkbar. Bei uns herrscht einfach kein Kasernenton – das wissen auch viele Mädchen zu schätzen, die von anderen Vereinen zu uns wechseln. Wir sind lieb und nett, aber bestimmt.“

Über Frauen- und auch Mädchenfußball kursieren viele Vorurteile und Klischees. Ist das bei Ihnen ein Thema?
„Mittlerweile nicht mehr. Am Anfang war das jedoch etwas ganz neues – auch für den Verein. Aber so war es auch, als die ersten Frauen bei der Polizei anfingen. Ich fühle mich und meine Arbeit auf jeden Fall ernstgenommen. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass wir schon zwei Meistertitel und einen Pokal gewinnen konnten. Das Klischee, alle Fußballerinnen seien Lesben, spielt bei uns aber zum Beispiel gar keine Rolle. Ich wüsste nicht, dass die Mädchen solchen Vorurteilen ausgesetzt sind. Mädchen, die Fußball spielen, sind doch längst Normalität geworden.“

Dennoch erfreuen sich die Vereine längst nicht so vieler weiblicher wie männlicher Spieler.
„Richtig. Hessler 06 hat 400 jugendliche Mitglieder. Davon sind nur 57 Mädchen. Wir haben drei Mädchenmannschaften, eine U13, eine U15 und eine U17. Die spielen jedoch alle in 8er Mannschaften – heißt sieben Feldspielerinnen und ein Torwart. Das Ganze schimpft sich dann Kreisliga A und geht von Gelsenkirchen über Gladbeck und Herne bis nach Castrop Rauxel, weil es zu wenig Mannschaften gibt. Aufsteigen kann man nicht – das geht nur in den 11er-Ligen. Aber ich habe bei der U17 zum Beispiel nur 14 Mädels, da lohnt sich keine 11er Mannschaft. Es fehlen wirklich Mädchen.“

Das ist schade. Wie könnte man mehr Mädchen erreichen und für den Sport begeistern?
„Hessler ist da ziemlich aktiv. Zum Beispiel gibt es AGs in Schulen, die von Vereinsmitgliedern betreut werden. Über diese Kooperationen könnte eine ganze Menge laufen. Ich habe selbst so eine Fußball-AG geleitet und daraus gleich sechs U13-Mädels für den Verein gewinnen können. Es ist eben etwas ganz anderes, einen Einblick in richtiges Fußballtraining zu bekommen. Es müsste viel mehr von solchen Kooperationen geben. Aber dafür muss man auch immer Leute mit Zeit und Motivation finden, die an Schulen gehen.“

Juniorinnen: Hansa Scholven vs. Hessler 06_U17

Hesslers U17 im Einsatz gegen Hansa Scholven. Foto: privat

Wird die anstehende Damen-Fußball-WM in Deutschland mehr junge Mädchen für den Fußball begeistern?
„Ich verspreche mir schon einen großen Zulauf. Vor allem, wenn die deutschen Damen Erfolge feiern und bis ins Endspiel kommen sollten. Dann steigert sich ja auch die Euphorie von Spiel zu Spiel. Dann gucken Mama und Papa zusammen mit der Tochter die Spiele – vielleicht entsteht dann bei der ein oder anderen der Traum selbst mal so zu spielen. Vor allem die Jüngeren kann man noch leichter begeistern, die U13-Mädchen kommen fast von alleine. Wenn die WM das noch befeuert, wär’s optimal.“

Sehen Sie die deutschen Damen als Vorbilder für junge, motivierte Fußballspielerinnen?
„Auf jeden Fall. So wie ich das mitbekomme, ist der Damenfußball wesentlich entspannter als im Herrenbereich. Da gibt es keine Skandale um die Kapitänsfrage. Überhaupt ist die Damen-WM jedoch noch nicht so präsent wie die der Herren. Ich bin auch ein bisschen enttäuscht.“

Enttäuscht? Wovon?
„Es sind noch drei Monate bis zur WM und nichts ist zu sehen. Die mediale Präsenz fehlt komplett. Nicht mal Plakate gibt es. Sogar beim Training ist die WM bei den Mädchen gar kein Thema – bei der Herren-WM sah das ganz anders auf. Da bekam man ja schon überall Deutschland-Fahnen und Hawaii-Kettchen. Dennoch glaube ich, dass die Berichterstattung sich nochmal ändern wird und dann kein Weg mehr dran vorbei führt. Ich sehe also keine Gefahr, dass junge Mädchen gar nicht auf den Frauenfußball aufmerksam werden.“

Könnte eine neue Attraktivität auch eine Entwicklung in den Vereinen bewirken – hin zur Etablierung von Mädchenmannschaften?
„Eigentlich gibt es das jetzt schon. Immer mehr Vereine gehen in die Richtung, eigene Mädchenmannschaften zu installieren. Ich weiß zum Beispiel von Preußen Sutum und Adler Feldmark, dass die wohl auch planen eine Mädchenmannschaft ins Leben zu rufen. Auf den Zulauf des SC Hassel bin ich sogar ein bisschen neidisch. Die sind im Norden so ziemlich die einzigen, die ein Angebot für Mädchen haben und darum haben die Zulauf ohne Ende.“

Denken Sie, dass es in Gelsenkirchen auch Bundesliga-Potenzial gibt?
„Es gibt immer wieder Mädchen, die den Ehrgeiz haben, mal in der Bundesliga zu spielen. Zwei meiner ehemaligen Spielerinnen haben zum Beispiel nach Essen-Schönebeck gewechselt. Deren Damenmannschaft spielt in der Bundesliga, die haben natürlich auch eine Top Jugendarbeit. Eine von den beiden ist sogar in der U15-Niederrheinauswahl. Das freut einen dann natürlich schon, wenn die Arbeit Früchte trägt – gerade wenn man sie von klein auf gefördert hat.“

Frank Adriaans, Mädchentrainer Hessler 06

Frank Adriaans. Foto: privat

Zur Person:
Der Gelsenkirchener Frank Adriaans (48) kickt nicht nur bei Teutonia Schalke, sondern trainiert auch seit knapp fünf Jahren Juniorinnenmannschaften bei Hessler 06. „Reingeschlittert“ ist er in diesen Job durch seine Tochter Lisa. Als sie bei den U13-Mädels anfing zu spielen, stand er plötzlich nicht mehr nur als Papa an der Linie, sondern wurde Trainer des jungen Teams. Heute hat Hessler 06 drei Juniorinnen-Mannschaften gemeldet. Als „Oberhäuptling“ koordiniert Adriaans sie und trainiert selbst die U17-Mannschaft, in der seine Tochter heute als Stürmerin spielt. Eine Extrawurst gibt es für das Töchterchen aber nicht: „Sie wird von mir nicht bevorzugt, sagt Adriaans. Es gibt nichts Schlimmeres als Trainer-Väter, die ihre Kinder pushen, obwohl andere besser sind.“

Erfolge der Hessler-Mädchen:
U15: Hallenregionalmeister
U15: Meister 2009/2010
U13: Meister 2008/2009

Ein Interview von Melanie Meyer

Zur Homepage der U17 von Hessler 06 geht es hier
Zur Homepage der U15 von Hessler 06geht es hier

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2 Kommentare zu Juniorinnentrainer Adriaans: „Von der WM verspreche ich mir Zulauf“

  1. Gero sagt:

    Super, dass hier regelmaessig soviel geschrieben wird.

  2. Ich muss dem Frank, den ich persönlich kenne und auch sehr schätze, vollkommen Recht geben! Wenn wir in Gelsenkirchen über die Grenzen schauen nach Essen oder Recklinghausen, sehen wir, wie man im Kreis Mädchenfußball richtig etablieren kann. FFC Recklinghausen ist ein Beispiel dafür! Warum kooperiert denn ein Verein wie Schalke 04 mit einem Verein aus Recklinghausen, während der VfL Bochum selber etwas auf die Beine stellt? Es gibt in Gelsenkirchen genug Mädchen, die Fußball spielen wollen und können, aber die Lobby – nicht zuletzt in den Vereinen – fehlt einfach. Solange es noch Vereinsvertreter gibt, die mit dem „Rumgezicke“ nichts zu tun haben wollen, wird aus Gelsenkirchen keine Frauen – oder Mädchenmannschaft kommen, von der man irgendwann etwas in der höheren Spielklasse lesen wird. „Frank, du sagst, du bist ein wenig neidisch auf den SC Hassel? Ich sage dir: Wir sollten alle ein wenig neidisch auf die Kreise neben uns sein!“
    Ich bin mir aber sicher, dass der neue Kreisjugendvorstand die Zeichen der Zeit erkannt hat und handeln wird!

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