„Ich hoffe, der Libero ist bald Geschichte!“

Martin Hasenpflug ist Jugendfußballtrainer, Autor von Fußballtrainingsbüchern und Gründer der Initiative abwehrkette.de. Foto: privat

Trainer, Fußballbuch-Autor und Verfechter der Viererabwehrkette: Martin Hasenpflug. Foto: privat

Die meisten Amateurklubs leben in der Vergangenheit und setzen auf den Libero statt Viererketten, auch und gerade im Fußballkreis 12. Warum das so ist und wie man es ändern könnte, haben wir Martin Hasenpflug gefragt. Der Autor des Trainingsbuchs Spielend zur Viererkette erkärt, warum sich der Taktik-Trend aus dem Profibereich in den unteren Ligen kaum durchsetzt.

Herr Hasenpflug, Sie machen sich für die Raumdeckung und den Einsatz der Viererkette im Jugendfußball stark. Was in den Profiligen umgesetzt wird – rosa Fußballschuhe, das Meckern mit dem Schiedsrichter oder Schwalben –, schlägt irgendwann auf den Amateurfußball durch. Warum spielen aber immer noch so viele Mannschaften mit Libero?
„Das liegt meiner Meinung nach an der fehlenden Ausbildung vieler Trainer. Gerade in unteren Klassen arbeiten aus Kostengründen viele nicht lizenzierte Trainer, die einfach nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, das zu vermitteln, was sie selbst als Spieler von ihren Trainern gelernt haben. Im Fußball wurden nun aber in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gewonnen. Doch ohne Trainer, die sich regelmäßig weiterbilden, gehen diese Dinge an viele Mannschaften vorbei.“

Sie geben auf www.abwehrkette.de Trainingstipps und leisten taktische Aufklärungsarbeit. Wann haben Sie damit angefangen und warum?
„Das war Anfang 2009. Ich wollte damit anderen Trainern von meinen positiven Erfahrungen zur Umstellung auf die Viererabwehrkette erzählen. Ich wusste, dass viele Trainer gerne Umstellung wollten, doch die wenigen vorhandenen Methoden zum Erlernen der Viererabwehrkette für ihre Bedürfnisse zu überdimensioniert waren. Deshalb wollte ich ihnen zeigen, wie sie auch unter widrigen Umständen – mit wenig Trainingszeit, ungeduldigen Spielern, wenig Trainingsplatz und unkonstanter Trainingsbeteiligung – trotzdem effektiv auf Viererkette umstellen können. Dazu habe ich eine passende Methodik entwickelt, die auf www.abwehrkette.de vollständig dokumentiert ist. Ein netter Nebeneffekt der Webseite war, dass dadurch die Leute auf meine Fußballtrainingsbücher aufmerksam wurden.“

Wann haben Sie selbst angefangen, Raumdeckung und Viererkette zu lehren? Was gab es damals für Probleme?
„Das war 2007, ein Jahr nachdem ich meine erste Trainertätigkeit aufgenommen hatte. Ehrlich gesagt gab es gar keine Probleme. Mir und den Spielern hat die Umstellung viel Spaß gemacht. Schon nach kurzer Zeit waren sie beim Spiel gegen den Ball nur noch gering auf die Gegenspieler fixiert und orientierten sich nach der Ballposition.“

Glauben Sie, dass der fehlende Wille zur Umstellung eher bei den Trainern oder bei den Spielern zu suchen ist?
„Im Jugendfußball ganz klar bei den Trainern. Die Kids haben ihre Idole im Profifußball und möchten ihnen nacheifern. Deshalb sind diese – aus meinen Erfahrungen heraus – hoch motiviert, die Viererkette zu lernen. Bei älteren Spielern im unteren Amateurbereich sollte man schon etwas Überzeugungsarbeit leisten. Doch die Argumente liegen klar auf der Seite der Viererkette. Also ist es wichtig für den Trainer der umstellen möchte, sich vorab mit dem Thema zu befassen.“

Braucht man bestimmte Spielertypen für die Umstellung des Systems? Zum Beispiel einen pfeilschnellen Außenverteidiger? Und lohnt sich eine Umstellung, wenn ich die Spieler für das System nicht habe – ein oft vorgebrachtes Argument von Trainern?
„Dass man die nötigen Spielertypen für die Viererkette bräuchte, ist ein fadenscheiniges Argument derjenigen, die das Prinzip der Viererkette und des ballorientierten Verteidigens nicht verstanden haben. Jeder der logisch denken kann, muss einsehen, dass vier Spieler die komplette Spielfeldbreite besser abdecken können als drei Spieler. Dass ein Zustellen von Passwegen effektiver ist, als dem Gegenspieler über den halben Platz hinterher zu rennen. Dass man nur effektiv durch eine Überzahl am Ball einen Ballgewinn erzielen kann. Dass ein Übergeben der Gegenspieler Kräfte schont, die man anderweitig effektiver einsetzen kann. Und so weiter und so weiter…“

Wie viel Zeit braucht man, um eine Mannschaft, die jahrelang nur das alte 3-5-2-System mit Libero gespielt hat, auf Raumdeckung und die Viererkette umzustellen?
„Ich meine, man kann nach zwei bis drei Wochen eine Qualität erreichen, die dem alten System gleicht. Jedoch besitzt man durch das Spiel mit der Viererkette viel größere Möglichkeiten, sich als Team und als Spieler weiter zu entwickeln. Der Außenverteidiger beziehungsweise der Manndecker ist jetzt nicht mehr der armselige Zerstörer, sondern nun auch Gestalter für das Offensivspiel. Sollte er jedoch aufgrund des jahrelangen Spiels mit Libero vermurkst sein, mag dieser Spieler zwar für keine großen Offensiv-Akzente sorgen, doch zumindest wird man auch diesen Spieler soweit bringen können, dass er im Spiel gegen den Ball seine Aufgabe innerhalb der Viererabwehrkette ordentlich verrichtet.“

Viele Trainer und auch Spieler sagen: ‚In den unteren Ligen haben wir keine Linienrichter, was bringt uns da die Abwehrkette?‘ Was entgegen Sie denen?
„Dass sie von der Abseitsfalle sprechen und nicht von einer Abwehrkette. Das sind unterschiedliche Dinge. Man kann auch mit einem Libero eine Abseitsfalle praktizieren. Mit einer Abwehrkette ist dies einfacher zu realisieren, deswegen ist wohl dieser Irrglaube entstanden.“

Das tägliche Brot einer Viererkette ist das Training. Wie motiviere ich Amateurspieler, die noch sehr viel anderes im Kopf haben, sich mit der Raumdeckung auseinanderzusetzen? Haben Sie da ein paar Tipps?
„Auf www.abwehrkette.de zeigen wir einige Spielformen zur Verbesserung der Viererabwehrkette. Hier spielen zwei Mannschaften gegeneinander mit wenigen Sonderregeln. Diese Spielformen machen auch Amateurspielern Spaß. Außerdem sollte man die Abschlussspiele im Training so gestalten, dass die Mannschaften mit Vierer- und/oder Dreierketten spielen. So verbessern sich die Spieler kontinuierlich im ballorientierten Spiel. Man muss nur beachten, dass eine Dreierkette nicht bedeutet, mit zwei Manndeckern und Libero zu spielen.“

Es wird ja immer viel darüber geredet, was die Viererkette defensiv bedeutet. Was sind denn die offensiven Vorteile?
„Durch das ballorientierte Spiel der Viererkette wird die beste Voraussetzung für eine kontrollierte Balleroberung geschaffen. Stichwort: Überzahl in Ballnähe. Durch diese Überzahl verfügt man nach dem Ballgewinn direkt über viele Anspielstationen in Ballnähe. Dadurch dass die Außenverteidiger sich mit ins Angriffspiel einschalten, besitzt man zusätzliche Anspielstationen in der Offensive.“

Der neueste Trend heißt 4-2-3-1. Ist das WM-System auch für Amateurligen erfolgreich anwendbar?
„Ja, im Spiel gegen den Ball unterscheidet es sich ja kaum vom 4-4-2. Zwei Viererketten hinter dem Ball sind heute Standard. In der Offensive ist es etwas komplexer und für die Mittelfeldaussen laufintensiver. Punktet aber dadurch, dass man recht einfach Anspielstationen zwischen den Linien des Gegners schaffen kann.“

Wann glauben Sie, wird der letzte Libero Deutschlands Fußballplätze verlassen haben?
„Ich hoffe bald. Gerade im Jugendfußball sieht man den Libero zum Glück immer seltener. Durch das Spiel mit der Viererkette können sich nun auch die Defensivspieler technisch fast genauso gut entwickeln wie die Offensivspieler. Auch die soziale Kompetenz wächst mit dem ballorientierten Spiel. Die Stärke einer Mannschaft steht nun im unmittelbaren Zusammenhang zum Teamgeist, da das ballorientierte Spiel nur als Kollektiv richtig funktioniert. Junge Spieler möchten Erfolge und werden deshalb auch wegen der Viererkette schneller lernen, dass der Einsatz für eine Sache mehr Freude bereitet, als sich von seinem Ego leiten zu lassen.“

Ein Interview von Daniel Otto

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2 Kommentare zu „Ich hoffe, der Libero ist bald Geschichte!“

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