Manches ändert sich nie: Libero statt Viererkette

Einer hinten, der Rest davor: In den meisten Amateurteams wird noch mit Libero gespielt. Foto: Benjamin Klack/pixelio.de

... letzter Mann! Die meisten Amateurteams spielen noch mit Libero. Foto: Benjamin Klack/pixelio.de

Profifußballer sind Vorbilder, so sagt man. Jubelszenen werden abgeguckt, die Art, seine Stutzen zu tragen, oder wie man theatralisch fällt. Da sind Amateurspieler immer auf dem neuesten Stand. Taktisch allerdings hinken viele Teams aus den unteren Ligen den Profis weit hinterher. Auch im Fußballkreis 12.

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft noch von Libero Lothar Matthäus in die Stadien dieser Welt geführt wurde, stand Ex-Nationalspieler Hannes Bongartz regelmäßig in einem kleinen Kabuff neben einem Dia-Projektor. Vor ihm auf ein paar Stühlen: Die versammelte Trainer-Kompetenz des damaligen Bundesligisten Wattenscheid 09. Hinter ihm an der Wand: Der Fußball der Zukunft. Bongartz referierte vor den Jugendtrainern über Viererkette und Raumdeckung. Das war 1993. Lange bevor auf Schalke die erste Viererkette gespielt wurde.

Einer von denen, die damals auf den Stühlen in Wattenscheid saß, ist Hans-Jörg Lipinski, damals E-Jugendtrainer der Sportgemeinschaft. Heute trainiert Lipinski den Kreisligisten Blau-Weiß Gelsenkirchen – natürlich mit der von Bongartz propagierten Viererkette: „Der hat damals schon gesagt, dass das der Fußball der Zukunft sein würde“, so Lipinski.

Die (Vierer-)Kette soll die Defensive zusammenhalten. Foto: Rene Schmidt/pixelio.de

Die (Vierer-)Kette soll das Tor von Lipinskis Team versperren. Foto: Rene Schmidt/pixelio.de

Der Fußball der Zukunft von 1993 ist im Jahr 2011 längst Realität – zumindest in den Profiligen. Das damals propagierte 4-4-2-System ist mittlerweile zwar weitestgehend vom 4-2-3-1-System abgelöst worden, aber niemand im bezahlten Fußball – außer vielleicht Otto Rehhagel – verschließt sich noch Viererkette und Raumdeckung. Anders ist es im Amateurfußball. Hans-Jörg Lipinski sagt: „Wir sind eine der wenigen Mannschaften in der
Liga, die das spielen.“

Tabellenführer der A-Ligen spielen mit Libero

In der Tat sucht man in den Kreisligen Gelsenkirchens fast vergeblich nach modernen Spielsystemen. Die Tabellenführer der A-Ligen, FC Gladbeck und SV Gelsenkirchen-Hessler lassen beide noch „das alte System“ spielen, wie Verfechter des modernen Fußballs das Spielen mit Libero nennen. Hesslers Trainer Markus Schwideowski nennt neben dem derzeitigen Erfolg weitere Gründe pro Libero: „Wir spielen in unserer Klasse ohne Linienrichter, bei einer Viererkette auf einer Höhe ist Abseits für den Schiedsrichter dann ab und an sehr schwer zu erkennen. Außerdem trainieren wir nur dreimal die Woche, so was müsste man täglich trainieren.“

Ähnlich ist es beim FC Gladbeck, auch wenn der 1. Vorsitzender des Klubs, Viktor Klose, sagt: „Wir spielen zwar noch mit Libero, allerdings steht der nicht drei Meter hinter der Abwehr, sondern meist und je nach Spielsituation auf einer Höhe mit den beiden Manndeckern.“ Der Trainer des Klubs, Dirk Knappmann, sei kein großer Fan der Viererkette, sagt Klose, außerdem brauche man dafür ja auch taktisch gut ausgebildete Spieler. Und in allen Jahrgängen gut ausgebildete Trainer. „Da ist natürlich auch der finanzielle Faktor nicht zu vernachlässigen“, so Klose. Gute Trainer kosten Geld. „Das Ehrenamt“, sagt Klose, „besteht ja nur noch zu 50 Prozent, der Rest lässt sich bezahlen.“ Der Vereinsvorsitzende Klose würde seinem Klub gerne ein einheitliches Konzept auferlegen, „aber dafür brauchen wir qualifizierte Trainer, Leute, die bereit sind, was zu machen.“

Leute wie Frank Frye. Frye übernahm den Kreisligisten BV Rentfort vor knapp 5 Jahren und impfte dem Klub eine Dosis 21. Jahrhundert ein. „Frank hat von Anfang an auf modernen Fußball gesetzt“, sagt der 1. Vorsitzende Volker Dyba. Vor zwei Jahren wurde das System dann auch auf die A- und B-Jugend übertragen. Sogar die zweite Mannschaft des BV spielt in der Kreisliga B mit Viererkette. Das Resultat: In der vergangenen Saison stieg Frye mit Rentfort in die Bezirksliga auf. Trotz Abseitsrisiko, trotz taktisch unerfahrener Spieler, trotz allen Vorurteilen: „Die Vorteile des Systems überwiegen einfach“, sagt Dyba, „und wir wollen auch grundsätzlich immer auf dem neuesten Stand sein.“ Deshalb hat der Klub Anfang Februar ein „Leitbild für das Selbstverständnis des Vereins“ veröffentlicht. Darin fehlen die Worte „moderner Fußball“ zwar, dafür wird von aktuellen und zukünftigen Trainern unter anderem eine Übungsleiter- oder Trainerlizenz
sowie die „Bereitschaft zur Fortbildung“ verlangt.

Höherklassige Jugendteams fehlen in Gelsenkirchen

Das Leitbild kommt nicht von ungefähr, denn der Kopf der Systemumstellung, Frank Frye, wird den Verein zum Ende der Saison nach fünf Jahren verlassen. Für Volker Dyba aber kein Grund, alles über den Haufen zu werfen. Im Gegenteil: „Das wäre ja Schwachsinn, jetzt einen neuen Trainer zu holen, der das nicht mitmacht.“ Noch hat der aktuelle Bezirksliga-Sechste allerdings keinen Nachfolger gefunden.

Zu dritt gegen die gegnerische Offensive: Die meisten Amateurteams spielen noch mit Libero. Foto: Manfred Schimmel/pixelio.de

Typisches Kreisliga-System: Mit drei Mann in der Abwehr. Foto: Manfred Schimmel/pixelio.de

Doch zurück in die Kreisliga, zurück zu Hans-Joachim Lipinski, der ein Vereinskonzept, wie es bei Rentfort durchgezogen wird, auch bei seinen Blau-Weißen begrüßen würde. Lipinski habt dabei aber ein ganz anderes Problem: „Wir haben in diesem Jahr gar keine A-Jugend, in der wir das machen könnten.“  In den vergangenen Jahren sei es dem Klub meist gelungen, in allen Altersklassen eine Mannschaft zu melden, doch in diesem Jahr fehlten schlichtweg die Spieler dafür. Kein seltenes Problem in Gelsenkirchen, das Viktor Klose vom FC Gladbeck als Resultat des niedrigen Trainerniveaus im Jugendbereich erkannt hat: „Es gibt hier in der Gegend nur sehr wenige höherklassige Jugendteams. In der D-, C- oder B-Jugend wird der moderne Fußball nicht vermittelt. Das wird häufig nur bei Vereinen gemacht, bei denen die erste Mannschaft höherklassig spielt. Rot-Weiß Essen, Wattenscheid 09, MSV Duisburg oder auch Schalke, die holen die Kinder hier frühzeitig raus, damit die das System schon dann lernen.“ Er hätte auch sagen können: Damit die Jungs taktisch nicht verdorben werden.

Die beste Abwehr der Liga

Aber muss das so sein? Zeigen nicht die Beispiele von BV Rentfort und Blau-Weiß Gelsenkirchen, dass moderner Fußball auch im Amateurbereich hervorragend funktionieren kann? Rentfort stieg nach der Umstellung in die Bezirksliga auf und ist aktuell im Besitz einer jungen, hungrigen und funktionierenden Mannschaft. Blau-Weiß Gelsenkirchen ist Dritter der Kreisliga A und stellt dort die beste Abwehr. Man darf gespannt sein, wie sich der FC Gladbeck und der SV Gelsenkirchen-Hessler nach ihrem möglichen Aufstieg in die Bezirksliga dort schlagen werden – laut Volker Dyba vom BV
Rentfort spielen in der Bezirksliga 12 ein Großteil der Mannschaften bereits mit Viererkette.

Dyba weiß zwar, dass der aktuelle Königsweg in ein paar Jahren bereits der Holzweg sein könnte: „Fußball ist ein dynamischer Prozess. Es kann sein, dass bald jemand kommt und die Viererkette durch etwas völlig anderes abgelöst wird.“ Er weiß aber auch: „Wenn ein Trainer in der Bezirksliga heutzutage die Viererkette oder Raumdeckung nicht erklären kann, dann ist er da falsch.“

Ein Text von Daniel Otto

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4 Kommentare zu Manches ändert sich nie: Libero statt Viererkette

  1. Pingback: „Ich hoffe, der Libero ist bald Geschichte!“ | sonntagsschicht.de

  2. Pingback: Vier gewinnt! – Ein Plädoyer für Raumdeckung und Viererkette im Amateurfußball | sonntagsschicht.de

    • Daniel sagt:

      In der Kreisliga A bei Holzpfosten Schwerte auch ;) Aber sonst? Seh ich echt nicht viele Viererketten auf den Amateursportplätzen des Ruhrgebiets.

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